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Die Band, der Mythos, die Legende...

die BÖHSEN ONKELZ

 

Ein langer Weg

Wir hatten wilde Herzen und dachten aus dem Bauch,
unser Lehrer war das Leben, die Strasse das Zuhaus'.
Wir lebten nie mit Kompromissen, es gab 'nen langen Weg zu geh'n,
den Weg der Wahrheit, nicht jeder kann ihn seh'n.
...nicht jeder kann ihn geh'n!

Es war ein langer, langer Weg,
und niemand sagte, es wird leicht.
Wir hatten nichts zu verlier'n und kein Weg war uns zu weit.
Es war ein langer, langer Weg,
und niemand sagte, es wird leicht.
Wir hatten nichts zu verlier'n und wir waren nicht allein,
...nicht allein, nicht allein, nie allein.

Wer hat nicht schon von uns gehört, ob er wollte oder nicht?
...den Namen, der so viele stört, doch alle Herzen bricht.
Die Band, der Mythos, die Legende, was immer man erzählt,
der Gestank der Vergangenheit liegt mit auf unser'm Weg.
...auf unser'm Weg, auf unser'm Weg

Es war ein langer, langer Weg,
und niemand sagte, es wird leicht.
Wir hatten nichts zu verlier'n und kein Weg war uns zuweit.
Es war ein langer, langer, langer, langer Weg,
und es wird Zeit, dass man ihn geht.

 

 

 

Die Böhsen Onkelz sind:

Kevin Russel – Gesang

Kevin Russell ist das jüngste von drei Kindern, sein Vater ist Lufthansapilot englischer Abstammung, seine Mutter Hausfrau mit einem ausgebildeten Alkohol-Abhängigkeitssyndrom. Die Familie ist aus Hamburg zugezogen und zerbricht schnell unter der Alkoholkrankheit der Mutter und der beruflich bedingten Abwesenheit des Vaters. Kevin leidet bereits in frühen Kindesjahren unter Abweisungserlebnissen, und entwickelt schnell ein Isolationstrauma, was sich später in unreflektierten Gewaltausbrüchen und Autoaggression ausdrücken wird.

 

Stephan Weidner – Bass / Texte / Gesang

Stephan Weidner ist das dritte von 5 Kindern. Die Eltern leben getrennt. Der Vater, eine schillernde und wegen mehrfachen Autodiebstahls vorbestrafte Persönlichkeit im Frankfurter Rotlichtmilieu, verlässt die Familie nach der Geburt des fünften Kindes. Der älteste Bruder zieht aus, sobald er auf eigenen Füßen stehen kann, der zweite Bruder wird von der Jugendfürsorge in ein Heim gebracht. Die Mutter wohnt mit Stephan und seinen zwei jüngeren Schwestern in einer Sozialwohnung in einem Hochhaus am Frankfurter Berg und ist ganztags beschäftigt. Die Kinder bleiben weitgehend sich selbst überlassen. Stephan zieht mit 13 zu seinem Vater in ein Reihenhaus nach Hösbach. Er verbringt seine Jugendjahre unter der Obhut des Vaters und arbeitet in der Kneipe eines Bordells in Frankfurt. Er macht erste Kontakte mit Sex und Drogen und beginnt sich, als er 17 wird vom Vater abzunabeln.

 

Peter Schorowsky – Schlagzeug

Peter „Pe“ Schorowsky ist der zweitälteste von vier Brüdern. Seine Familie stammt aus Hösbach. Sein Vater ist Kühlanlagenmechaniker, seine Mutter Hausfrau. Der Familienhintergrund ist bieder-katholisch. Seine Kindheit verläuft unspektakulär und sein Aufwachsen wird von der dörflichen Umgebung geprägt.

 

Matthias "Gonzo" Röhr – Gitarre

Der Gitarrist der Frankfurter Punkband "Antikörper" heißt Matthias "Gonzo" Röhr, zu diesem Zeitpunkt 18 Jahre alt. Gonzo spielt seit 6 Jahren Gitarre und wird von den Böhsen Onkelz abgeworben. Bereits einen Monat später tritt er den Böhsen Onkelz bei und komplettiert das Line Up der Band. Matthias Röhr ist der älteste von vier Brüdern und die Familie Röhr wechselt häufig den Wohnort im Raum Frankfurt. Die Mutter ist Hausfrau, der Vater, der zunächst ein Lebensmittelgeschäft betreibt, übernimmt 1965 einen Kiosk in Frankfurt Bockenheim und 1974 eine Wirtschaft, wo später auch die Mutter ganztags arbeitet. Der Familienhintergrund der Röhrs ist bieder-katholisch-streng. Matthias Röhr beginnt bereits mit zwölf Jahren Gitarre zu spielen und orientiert sich in seiner Jugend an Blues- und Soulgitarristen, bis ihn der Punkrock erwischt und auch er ab 1980 in die Frankfurter Punkszene einsteigt. Sein Spitzname "Gonzo" geht auf seine glühende Verehrung für den amerikanischen Gitarristen Ted Nugent und dessen Live Album "Double life Gonzo" Ende der siebziger Jahre zurück. Bis er in die Frankfurter Punkszene einsteigt hat er zuvor in mindestens 5 anderen Bands gespielt.

 

Onkelz-Historie

 

1980

Die Böhsen Onkelz gründen sich im November 1980 in dem Keller eines Reihenhauses in Hösbach bei Aschaffenburg. Die Gründungsmitglieder sind Stephan Weidner damals 17 Jahre alt, Kevin Russell, damals 16 Jahre alt und Peter Schorowsky, damals 17 Jahre alt. Inspiriert durch Punkbands wie die Sex Pistols, The Ramones, The Clash, The Stranglers und Sham 69, erscheint es den drei Jugendlichen als eine logische Konsequenz, ebenfalls eine Punkband zu gründen. Den Namen geben ihnen mehrere Kinder, die im Winter 80/81 die grünbehaarten Jugendlichen im ländlichen Hösbach als "böse Onkels" bezeichnen. Der Name bleibt hängen und sollte auch später nicht mehr geändert werden. Die Familienhintergründe sind bieder bis asozial.

 

Punk und der frühe Einfluß

Unter welchen Umständen die Böhsen Onkelz in die Frankfurter Punkbewegung eingestiegen sind.

Bedingt durch die Begrenztheit des Ortes Hösbach, lernen sich Stephan, Peter und Kevin 1978/79 kennen und werden unzertrennliche Freunde. Der Punkrock setzt sich in der Gedankenwelt der drei Jugendlichen fest und bestimmt fortan ihr Handeln. Zum Zeitpunkt der Bandgründung im November 1980 besitzen sie einen alten Bass, einen antiken Röhrenverstärker, zwei Dashtrommeln, ein Tischmicro und ein Plektron. Die Band beginnt ihre ersten Songs zu schreiben, die nicht viel mehr sind, als atonale Gröhlereien.  Zu dieser Zeit, als die Böhsen Onkelz sich an der Grenze zur Volljährigkeit befinden, beginnen sie damit, sich von der Enge Hösbachs zu lösen und an den Wochenenden nach Frankfurt zu fahren. Stephan, dem bereits 1979 ein "Schulverbot" für alle Schulen in Hessen ausgesprochen wurde, und der während der Woche in der "Kneipe" seines Vaters gearbeitet hat, löst sich von der autoritären und dominanten Vaterperson und versucht ohne Schulabschluß in der Frankfurter Punkszene auf eigenen Füßen zu stehen. Peter Schorowsky beendet die Hauptschule in Hösbach und beginnt eine Lehre als Schweißer, während Kevin Russell sich mehr schlecht als recht um seinen Hauptschulabschluß bemüht. Alle drei übernachten, zusammen mit Stephans Schwestern und Stephans Mutter während der Wochenenden in Frankfurt in der Sozialwohnung am Frankfurter Berg.

Böhse Onkelz in Ur-Formation, Hösbach 1980 v.l.n.r. Pe, Kevin, Stephan Foto: B.O. Archiv

1981

Türken raus

Wie kam es zur Entstehung des vieldiskutierten Skandalsongs

Entgegen vieler Behauptungen, die Böhsen Onkelz hätten ihren Skandalsong "Türken raus", der ihnen bis heute angelastet wird, als Skinheadband geschrieben, muß hier darauf hingewiesen werden, daß "Türken raus" einer der ersten Songs im Repertoire gewesen ist und auf die Zusammenstöße zwischen den Jugendlichen verschiedener Kulturen in den Frankfurter Vororten zurückzuführen ist. Daß die Böhsen Onkelz in den nächsten 5 Jahren eine ausländerfeindliche Haltung anehmen, ist dagegen unbestritten und soll hier nicht unerwähnt bleiben.

 

Die ersten Auftritte

Das Jugendzentrum Bockenheim als Wiege und Wohnzimmer der frühen Onkelz

1980 steigen die Böhsen Onkelz während vieler Wochenendfahrten nach Frankfurt in die dortige Punkszene ein und machen sich schnell einen Namen als asoziale, authentische Punkband. Zusätzlich muß erwähnt werden, daß gerade in Frankfurt, aufgrund der "Startbahn-West-Krawalle" und der blühenden Punkbewegung eine allgemein agressive Stimmung herrscht. Die "Hippies" und die "Alt 68er" gelten den Punks als Feindbild Nr.1. Diese Frankfurter Punkbewegung konzentriert ihre Aktivitäten auf mehrere Orte, die Hauptwache und den Goetheplatz in der Innenstadt, den Flohmarkt am Eisernen Steg, die "Batschkapp"(ein alternativer Veranstaltungsort, wo viele Punkkonzerte stattfinden) und das Jugendzentrum Bockenheim. 20.02.'81 erster dokumentierter Auftritt im Juz Bockenheim mit Incapables, Mutation und Kreppelkaffee. 08.05.'81 zweiter dokumentierter Auftritt im Juz Bockenheim mit Boopy Traps, Middle Class Fantasies und Antikörper. Von diesen beiden ersten Gigs gibt es leider kein Foto- oder Audiomaterial. Erwähnung finden die Böhsen Onkelz während dieses frühen Stadiums lediglich in lokalen Fanzines und Undergroundpublikationen.

Gonzo steigt bei den Onkelz ein und komplettiert das Line up. Zunächst spielt "Gonzo" bei den Böhsen Onkelz Bass, Stephan Weidner die Gitarre, Kevin Russell übernimmt den Gesang und Peter Schorowsky das Schlagzeug.

Noch mehr Punk

Die ersten richtigen Songs

Während der ersten zwei Jahre spielen die Böhsen Onkelz 4 Gigs im Juz Bockenheim. Ihr Repertoire beinhaltet neben "Türken raus" noch einige typische Punksongs, "Bullenschwein", "Hinein in das schäumende Bier", "Schöner Tag", "Deutsche Welle", "Bruno Baumann" und andere. Gonzo bringt als erster eine gewisse, rudimentäre Professionalität in die Band, in dem er die Songs durch sein Können erheblich aufwertet. Aus dem anfänglichen Gegröhle werden nun richtige Punksongs, die vom meist jungen Publikum auch so verstanden und aufgenommen werden. Der Punk, als solcher findet zwar in den einschlägigen Musikzeitschriften seine Erwähnung, aber der Focus der Berichterstattung liegt ausschließlich auf den "großen" und "bekannten" Bands, die zumeist aus England kommen. Gleichzeitig wird in Deutschland die "neue deutsche Welle" etabliert. Weniger aggressives Songmaterial mit deutschen Texten, das in seiner Beliebigkeit und seiner "Softheit" dem Punk das Wasser abgräbt. Während NDW-Bands wie Fehlfarben, DAF oder Ideal das Rampenlicht auf sich ziehen, haben es die authentischen Punkbands wie Slime, Abwärts, die Böhsen Onkelz oder ZK schwer. Ihre Popularität ist begrenzt und beschränkt sich auf ihren Herkunftsort. Die Fans rekrutieren sich ausschließlich aus der lokalen Punkszene. Nur mühsam erspielen sich diese Bands einen größeren Hörerkreis, der sich auf das gesamte Westdeutschland erstreckt. Hilfreich hierbei sind lokale "Fanzines", kleine, zusammengebastelte Heftchen, die die "Szene" mit all ihren Konzerten, Skandalen und Ausschreitungen beschreiben. Jede größere westdeutsche Stadt mit einer Punkbewegung, hat auch mindestens ein Fanzine. In Frankfurt gibt es zu Beginn der achtziger Jahre 3-4 verschiedene Fanzines, von denen "Primitiefes Leben" von Patrik Orth das bedeutendste ist. Die Böhsen Onkelz sind gegen 81/82 ein wesentlicher Bestandteil der Frankfurter Punkbewegung, ihre sporadischen Konzerte und Auftritte jedoch, finden ausschließlich in "Primitiefes Leben" Erwähnung.

Punk in Frankfurt

Die Politik mischt sich ein und die Medien helfen mit

Während bereits die "Rock'n'Roll"- Bewegung der fünfziger und die "Flower Power"- Bewegung der sechziger von der Presse per se als gefährlich, drogenverseucht, aufwieglerisch, anarchistisch und verurteilenswert dämonisiert wurde, ist es mit der Punkbewegung Ende der siebziger und anfang der achtziger Jahre nicht anders. Die Punkbewegung, von England kommend, wird in der Presse, als das "Schlimmste" bezeichnet, was der Jugend in Deutschland überhaupt passieren kann. Die politische Linke wittert eine Chance und beginnt massiv die Punkszene zu infiltieren. Althippies und Anarcho-Veteranen der siebziger Jahre beginnen in der deutschen Punkszene aktiv zu werden, nicht ohne Erfolg. Die Gesellschaft und die Musikindustrie vermarktet die Neue Deutsche Welle als die handzahme und weichgespülte Version des Punk in immer groteskeren Varianten. Während die Musikindustrie im Wochentakt ein neues One-Hit-Wonder unter dem Ettikett "Punk" auf die ahnungslose Hörerschaft loslässt, wenden sich bundesweit die hartgesottenen und kampferprobten Punks angewidert ab.

Punk wird lahm

Oi Musik aus England verspricht Rettung und die Onkelz zum ersten mal auf Vinyl

Die Böhsen Onkelz, in ihrer ganzen asozialen Anrüchigkeit und Authentizität schauen mit einem Auge auf den Haufen Scherben, den die zersplitterte Punkbewegung hinterlassen hat, mit dem anderen Auge nach England, wo sich ein neuer Trend abzeichnet. Wie immer gelangt auch diesmal eine neue Bewegung zeitversetzt nach Deutschland. Das Zauberwort heißt "Oi"! Zum Jahreswechsel 81/82 fahren die Böhsen Onkelz nach Berlin, um beim linken Label "Aggressive Rockproduktionen" von Karl Walterbach (heute "Noise"-Label) zwei Stücke für den "Soundtrack zum Untergang" Vol. II einzuspielen. Während dieser Aufnahmen, die mehr als chaotisch verlaufen, wechseln Gonzo und Stephan die Instrumente. Die endgültige Formation der Böhsen Onkelz steht und wird bis heute beibehalten. Ebenfalls sind auf dem "Soundtrack zum Untergang" Vol.II deutsche Underground Punkbands wie "Normahl", "Blitzkrieg", "Neurotic Arseholes", "Notdurft" und andere vertreten. Seit den späten neunziger Jahren, ist diese Compilation als CD wieder im Handel erhältlich. Obwohl man die Böhsen Onkelz auf dem Booklet nicht erwähnt, sind die beiden Songs "Hippies" und "Religion" immer noch auf dieser Veröffentlichung zu hören. Eine Lizenzabrechnung von Karl Walterbach hat es bis heute nicht gegeben.

Böhse Onkelz in Punkbesetzung, Frankfurt 1981 v.l.n.r. Gonzo, Pe, Stephan, Kevin Foto: Kid

 

1982

Oi wird härter

Der Trend aus England fasst in Deutschland Fuß, die Schlägereien häufen sich und Fußball wird wichtig

In England erfährt die Punkbewegung von Seiten der Medien die gleiche Ignoranz wie in Deutschland und viele Gruppen und Grüppchen, die als Punkbands angefangen haben, richten sich nun an der neuen Oi-Bewegung aus. Initiator ist die Band "Cockney Rejects", eine fußballgegeisterte unpolitische Milieu-Band aus der Londoner Arbeiterklasse, die es sich zum Markenzeichen macht, ihre Songs auf der Bühne mit einem hastigen "Oi, Oi, Oi" (Cockney Slang für "Hey") anzuzählen. "Oi" wird innerhalb kürzester Zeit ein Schlachtruf für eine ganze Generation von jugendlichen Working-Class-Kids, die kaum der Pubertät entwachsen, sich am Wochenende im Stadion mit gegnerischen Fans prügeln. Oi bedeutet zunächst, unpolitisch zu sein, schnellen Punk mit harten Texten zu singen, sich ein wenig "ordentlicher" als die Gossenpunks zu kleiden und vor nichts und niemandem zurückzuweichen. Neben den Cockney Rejects gibt es noch eine große Anzahl an Oi Bands, die dem neuen Trend zu einem schnellen Aufstieg verhelfen. Das alles geschieht auch, jedoch mit ca. eineinhalbjähriger Verspätung, in Deutschland. Zunächst bietet "Oi" den deutschen Punks, die weder bei der NDW, noch bei den Anarcho-Punks mitmischen wollen, ein willkommenes Auffangbecken, in dem sie weiterhin ihre unangepasste Musik machen können, ohne sich politisch vereinnahmen zu lassen. Während Bands wie Slime aus Hamburg den radikalen linken Weg einschlagen, springen die Onkelz zunächst auf den unpolitischen Oi-Zug auf, der ihnen Gelegenheit genug bietet, ihrem Ärger Luft zu machen. Songs wie "Religion", "Hippies" und "Oi, Oi, Oi" sollen als Nachweis genügen. Was in Großbritannien schneller vollzogen wird, findet nun auch in Deutschland statt. Die radikale Rechte, beginnt den Stolz und auch den latenten Patriotismus der Oi-Szene für ihre Zwecke zu mißbrauchen. Was in England als eine unpolitische Jugendszene beginnt, die ihre Wurzeln in der Arbeiterklasse sieht, wird schon bald von der ultrarechten "National Front" und dem "British Movement" vereinnahmt. Die Bewegung der "Skinheads" die in England bereits 1969 entstand und der sich die Söhne der Werftarbeiter zugehörig fühlten, war eine Strömung, die ursprünglich zusammen mit den schwarzen jamaikanischen Einwanderern aus der "Rude Boy" Bewegung entstanden war. "Ska" und "Skinheadreggae" waren die vorherrschenden Musikstile der ausgehenden sechziger und beginnenden siebziger gewesen. Mitte der siebziger war die britische Skinheadszene bereits vollständig von der politischen Rechten vereinnahmt und restlos ausgebrannt. Erst die Oi-Bewegung zu Beginn der achtziger beschert der Skinheadbewegung in England einen neuen Schub und dehnt sich auch sehr schnell auf das europäische Festland aus. Ist die Oi-Bewegung zunächst unpolitisch und orientiert sie sich zunächst an den ganz und gar unpolitischen Working Class Bands wie "Cockney Rejects", "Angelic Upstarts", "The Gonads", "Agnostic Front", "The Blitz", "The Business" und "Cock Sparrer" sowie an den "softeren" Ska-Varianten wie "Madness", "The Specials", "Selecter" oder "Bad Manners"so kann man auch 1982/83 in Deutschland bereits den Einfluß der rechten politischen Parteien in diesen Szenen spüren. Der Zusammenhalt der Jugendbewegungen in der Punk- und in der jungen Skinheadszene, kann dem politischen Druck nicht standhalten und fällt sehr schnell einer radikalen Trennung zum Opfer.

Böhse Onkelz "Oi-music for FFM-Kids" Frankfurt 1982 v.l.n.r. Stephan, Gonzo, Pe, Kevin Foto: B.O. Archiv

 

1983

Oi ist noch nicht hart genug

Der Einstieg in die Skinheadszene

1983 beginnen die Böhsen Onkelz von der Oi-Bewegung in die Skinheadszene zu rutschen. Sowohl Stephan, als auch Gonzo haben sich bereits den Schädel rasiert und Stephan schreibt die ersten Lieder, die sich explizit mit dem Thema "Skinhead" befassen. Der Ska-Einfluß ist zwar noch zu spüren, und auch der Bezug zur Arbeiterklasse, aber diese Einstellung wird aufgrund der politischen Einmischung in die Szene schnell verwässert.

Das ominöse Demotape

Wie es zur Entstehung des viel diskutierten Demotapes kam und die Onkelz kurz vor dem Kultstatus

Ebenfalls 1983 nehmen die Böhsen Onkelz ihr erstes offizielles Demotape auf, das später nur als das ominöse "Demo" traurige Bekanntheit erreichen soll. Auf diesem Demo befinden sich eine radikalere Version des alten Punkstückes "Türken raus" und eine veränderte Version des Oi-Stückes "Oi, Oi, Oi". Ab diesem Zeitpunkt muß man den Böhsen Onkelz eine Ausländerfeindlichkeit attestieren, die sich in großer Brutalität und Gewalt äußert und in radikalem Auftreten während ihrer seltenen und sporadischen Gigs. Hatte es 1981 nur 7 dilletantische Auftritte vor einem meist jugendlichen und vollalkoholisierten Punk-Publikum gegeben und hatte es 1982 nur 4 Auftritte vor einem ebenfalls jugendlichen und ebenfalls vollalkoholisierten Publikum gegeben, das man der Oi-Punk-Bewegung hätte zurechnen können, so waren es aufgrund der häufigen Abwesenheit von Kevin und Gonzo 1983 gerade mal 2 Shows, die man als erste Skinheadkonzerte werten muß. Im Sommer 1983 spielen die Onkelz einen Gig in einem berliner Bunker, der auch als Proberaum der rechten Berliner Skinheadband "Kraft durch Froide" genutzt wird. Die Onkelz haben sich mit ihrem "Demo" bereits einen Namen in der Szene gemacht und sind nun ein fester Bestandteil der nach rechts treibenden deutschen Skinhead Bewegung.

Die beiden Skandal-Songs: "Türken raus" und "Deutschland den Deutschen"

Wann und wo wurden diese Songs vorgetragen?

Während dieses Gigs in Berlin '83 spielen sie zum letzen Mal den Song "Türken raus" und zum einzigen Mal den Song "Oi, Oi, Oi" der nun in "Deutschland den Deutschen" umbenannt wird und auch in dieser Version auf dem "Demo" zu hören ist. Die Zeile "Oi, Oi, Oi" wird in die Zeile "Deutschland den Deutschen" (eine Wahlkampfparole der NPD von 1980) abgeändert. Dort, wo es in der Oi-Version noch "Punks und Skins im Zusammenhalt gegen Euch und Eure Staatsgewalt" hieß, singt man nun "Skinheads im Zusammenhalt gegen Euch und Eure Kanakenwelt" und "bis jetzt haben immer die Bullen gesiegt" heißt in der neuen abgeändertenVersion "bis jetzt haben immer die Kanaken gesiegt". Bei diesem Gig sind ca. 80-100 Leute anwesend. Die noch kleine Skinheadszene feiert die Onkelz als ihre Helden und die rechten Parteien sehen ihre Chance zur gezielten Einmischung.

 

Kevin als Übersymbol der Skinheadszene

Trotz seines harten Auftretens, zeichnet sich die Tragödie bereits ab

Gerade Kevin tritt in dieser Zeit äußerst gewalttätig auf und versucht seine eigene Unsicherheit hinter gnadenloser Gewalt und bedingungsloser Provokation zu verstecken. Er treibt den Alkoholkonsum auf die Spitze und Schlägereien finden täglich statt. Oftmals läßt er sich von seinen Hamburger Freunden mitreißen und schnell wird aus der anfänglichen nicht zielgerichteten Gewalt ein glühender Hass gegen alles Fremde. Man muß hier darauf hinweisen, daß Kevin zu diesem Zeitpunkt ein sehr leicht zu beeinflussender Mensch ist, dem es wesentlich an Selbstvertrauen und Einsicht mangelt und der der Meinung ist, daß andere Menschen an seinem zerstörten Familienhaus und an seinen persönlichen Problemen Schuld sind. Seinen Äußerungen und seinem Handeln mangelt es ebenfalls an jeglichem intellektuellem oder ideologischem Hintergrund und so reichen sie für eine Zuordnung in ein politisches Lager nicht aus. Ausländerfeindlich, brutal und gewalttätig ist er jedoch allemal, was ihm oft einen Streit mit den anderen Bandmitgliedern einbringt, die der Meinung sind, daß das Skinheadsein sich nicht auf Gewalt und Härte beschränken sollte. Seine Zerstörungswut drückt sich zunächst in seinen Schlägereien und seinen Tattoos aus, die er sich selber sticht und später auch in seinem Alkohol- und Drogenkonsum der bald in Autoaggression und Sucht umschlägt.

 

Böhse Onkelz, Frankfurt 1983 v.l.n.r. Pe, Kevin, Gonzo, Stephan Foto: B.O. Archiv

 

1984

Rock O Rama und der nette Mann

Wie kam es zum ersten Album "Der nette Mann" und wer ist Herbert Egoldt?

Im Frühjahr 1984 wird Herbert Egoldt, Inhaber des Rock O Rama Labels und des gleichnamigen Mailorder Vertriebs aus Brühl auf die Onkelz aufmerksam. Herbert Egoldt hatte es in den vorangegangenen Jahren verstanden, den Import mit Independent Musik zu einem florierenden Geschäftszweig auszubauen. Sein Label galt während der letzten Jahre als kompetenteste Institution in Sachen Punk- und New Wave Import. 1984 jedoch beginnt er seinen Repertoirebereich auf die wachsende rechte Musikszene in England und Deutschland auszuweiten. Er bietet den Onkelz einen einseitigen Vertrag über drei Alben an, verspricht der Band eine Zahlung von 1,-- DM pro verkaufter Platte und sichert sich die Rechte an den Songs auf Lebzeiten. Die Böhsen Onkelz sind noch unerfahren im Musikgeschäft und gehen begeistert auf den Deal ein. 1984 ist für die Böhsen Onkelz das Schlüsseljahr, in dem sie ihre erste LP "Der nette Mann" in den Frankfurter MTV Studios mit Lazlo Viragh aufnehmen und sich den Titel "Kultband der Skinheadszene" sichern. "Der nette Mann" ist das erste Album einer deutschen Band, deren Mitglieder zu 100% Skinheads sind und sich auch dieser Szene verbunden fühlen. Musikalisch läßt es bereits die spätere Professionalität und Härte erkennen und gerade Gonzo hebt sich mit seinem inzwischen weit fortgeschrittenen Können von der Masse deutscher Bands ab. Die Texte drehen sich fast ausschließlich um Gewalt, Alkohol und Sex. Gerade das Titelstück in seiner ganzen Scheußlichkeit, findet bei den Skinheads in Deutschland großen Anklang. Das Stück "Der nette Mann" handelt von einem Kindermörder, der getarnt als netter Nachbar praktisch nicht auffindbar ist, da er sich hinter der Maske des "netten Mannes" versteckt. Der Song, der in der ersten Person Singular gesungen und mit Kevins rauhem Organ vorgetragen wird, gilt in Deutschland als massiver Tabubruch. Zum ersten Mal setzt sich eine Band auf ihre eigene Art und Weise mit dem Thema Kindesmißbrauch auseinander. Der Täter wird hier als "perverses Schwein" dargestellt und die "Ich-Form", in der das Lied vorgetragen wird, sorgt für große Empörung bei den Jugendschutzvereinen, Kommunen und Gemeinden. Man unterstellt der Band, sie selbst würden zum Kindermord aufrufen. Ebenso skandalös empfindet man das Lied "Mädchen" in dem es um nichts anderes als "ficken", "ficken" und nochmals "ficken" und um "blasen", "blasen" und nochmals "blasen" geht. Der Song "Frankreich '84", der die anstehende Fußball Europameisterschaft in Frankreich thematisiert und in dem das Wort "Frankreichüberfall" fällt, wird später als Hauptgrund für die angeblich faschistoide Gesinnung der Musiker herhalten müssen. Des weiteren befindet sich auf dem Debütalbum "Der nette Mann" das Lied "Deutschland", ein Song, in dem zum ersten Mal nach dem zweiten Weltkrieg eine deutsche Band die Textzeile "wir sind stolz darauf, Deutsche zu sein" verwendet. Merkwürdigerweise wird dieser Song, in den man unverblümt einen übertriebenen und gefährlichen Patriotismus, hineininterpretieren könnte, bei der späteren Beanstandung des Albums durch die Bundesprüfstelle, nicht nur nicht besprochen, sondern, er wird nicht einmal erwähnt.

 

"Der nette Mann" wird Kult

  Das Debüt Album "Der nette Mann" schlägt in der kleinen Skinheadszene, die in den Verfassungsschutzberichten des Jahres '84 mit ca. 2000 Personen beziffert wird, ein, wie eine Bombe. Die Böhsen Onkelz sind seit ihrem "Demo" von '83, seit ihrem Gig im Bunker '83 und seit ihrem ersten Album "Der nette Mann" die Band der Stunde. Die Gerüchte über die Frankfurter Band innerhalb der Skinheadszene nehmen groteske Formen an und so schnell, wie die Onkelz sich in der Szene etabliert haben, so schnell wird es ihnen auch schon wieder zu eng.

 

Skinheadszene auch zu eng?

Warum müssen Hosenträger genau 1/4 inch breit sein?

Während Kevin sich in der Skinheadszene aufgehoben und geborgen fühlt und der Meinung ist, daß er es mit einer wirklichen großen Familie zu tun hat, erkennen die drei anderen Musiker, Stephan allen voran, daß auch diese Szene ihre eigenen Schubladen hat und im krassen Gegensatz zu seinem Freiheitsgefühl steht. Die Vorschriften und Dresscodes, die Breite der Hosenträger, das Markenbewußtsein der "Glatzen", vom Fred Perry Hemd zu den Doc Marten's Schuhen, von der Sta Prest Jeans zu den Bomber Jacken, das alles fängt sehr schnell an zu nerven. Zum Jahreswechsel 84/85 legen Pe, Gonzo und Stephan die Hosenträger wieder ab und lassen die Haare wachsen.

 

Covershooting zum Debütalbum "der nette Mann" Frankfurt 1984 v.l.n.r. Kevin, Stephan, Gonzo, Pe Foto: Alf Diamond

 

1985

Das zweite Album

Böse Menschen - böse Lieder. Studiosequenzen auf Video.

Bereits im Februar 1985 nehmen die Onkelz ihre zweite Langspielplatte "Böse Menschen - böse Lieder" auf. Herbert Egoldt hat zu diesem Zeitpunkt noch keinen Pfennig für die Verkäufe der ersten LP gezahlt, ist aber der Meinung, daß dringend ein zweites Album aufgenommen werden muß. Von diesen Aufnahmen existiert Filmmaterial auf Video. Zusätzlich werden die Stücke der zweiten LP in Halbplayback und in Farbe für ein frühes Fanvideo in geringer Stückzahl aufgenommen. Während das Cover zum "netten Mann" noch auf dem Coverfoto (zerstörte, blutüberströmte Kinderpuppe in der Gosse, daneben ein paar Springerstiefel) einen klaren Bezug zur Skinheadszene aufweist, ist der Cover des neuen Albums mit einer Zeichnung aus einem Comic wesentlich neutraler und während sich die Songtexte des ersten Albums noch mit dem Thema "Deutschland" auseinandersetzen, sucht man auf der zweiten Scheibe solche Titel vergebens. Die Inhalte handeln fast ausschließlich von Alkohol und Straßenkampf, davon, daß die Gewalt nicht mehr als etwas Gutes und Wichtiges, sondern nun als etwas Erzwungenes, etwas zum Überleben auf der Straße Notwendiges angesehen wird. An dieser Stelle muß darauf hingewiesen werden, daß 1985 auch die rechten Parteien die Onkelz für sich entdecken und sie immer wieder für "ihre Sache" zu gewinnen versuchen. Es gibt während dieser Zeit zahlreiche Angebote von rechten Parteien und Vereinigungen an die Böhsen Onkelz, auf einer ihrer Kundgebungen oder Grillfeste zu spielen. Alle Angebote werden abgelehnt und die Böhsen Onkelz haben bis heute keine Note für eine politische Partei angeschlagen. In diesem Zusammenhang sind auch die Texte der beiden Songs "Signum des Verrats" (ein Song für Mitläufer und Skinheads, die ihre Ideale an die Politik verkauft haben) und "Hässlich, brutal und gewalttätig" (ein Song über die plakative Darstellung der Skinheads in den Medien) zu verstehen.

 

Der größte dokumentierte Glatzengig

Viel Alkohol und schlechter Sound in Lübeck

Den vierten und größten Gig vor einer Skinheadgemeinde spielen die Onkelz zusammen mit der englischen Band "Indecent Exposure" und den deutschen "Die Hards" im August '85 in der Nähe von Lübeck. Vor rund 700 Glatzen und Glatzenähnlichen, von denen man einige ganz klar dem rechten Lager zuordnen muß, läßt sich Kevin zu einer weiteren Dummheit hinreißen. Obwohl die Band den Aufforderungen "Türken raus" oder "Deutschland den Deutschen" vom Demotape zu spielen, nicht nachkommt, tragen sie dennoch den Song "Deutschland" vom ersten Album vor. Die originale Textzeile "deutsche Frauen, deutsches Bier - schwarz rot gold wir steh'n zu Dir" wird während des Gigs von Kevin auf eigene Faust umgestaltet und er singt nun "deutsche Frauen, deutsches Bier - schwarz weiß rot wir steh'n zu Dir" Die Band ist außer sich vor Wut über diesen Alleingang und es kommt zu Spannungen innerhalb der Band.

 

"Mexico" - die letzte Rock o Rama Veröffentlichung

Rock o Rama driftet schwer nach rechts, aber die Onkelz gehen nicht mit

Im Herbst 1985 entscheiden sich die Böhsen Onkelz dazu, ihren Vertrag bei Herbert Egoldt und Rock 'O'Rama zu erfüllen, in dem sie noch ein letztes Album mit ihm aufnehmen. Egoldt hat bis jetzt keinen Pfennig gezahlt und ein persönlicher Besuch bei ihm bringt einen Scheck über 4000,-- DM. Dies bleibt die erste und letzte Zahlung, die Herbert Egoldt den Böhsen Onkelz bis heute ausgezahlt hat. Dazu hat Egoldt nun ein großes Sortiment an Faschobands aus England auf seinem Label versammelt und die Böhsen Onkelz fühlen sich zunehmend verarscht und unwohl. Um den Vertrag zu erfüllen und Egoldt dabei so wenig Songmaterial wie möglich zu liefern, veröffentlichen die Onkelz lediglich 6 Songs auf der "Mexico" EP. Das dritte Studioalbum "Mexico" mit dem gleichnamigen Stadionknaller zur Fußballweltmeisterschaft '86 stößt in der Skinheadszene erneut auf große Zustimmung und gilt bis heute als das dritte und letzte Skinheadalbum der Böhsen Onkelz.

 

Der letzte Glatzengig

Jetzt wird's krass. Die Onkelz spielen zum letzten mal vor einem reinen Glatzenpublikum, das inzwischen in seiner Gesamtheit aus Faschoglatzen besteht.

Zum ersten größeren Ausstiegsimpuls aus der Skinheadszene, der sich über das nächste Jahr hinziehen sollte, führt ein erneuter Böhse Onkelz Gig im Berliner Bunker der Faschoband "Kraft durch Froide" am 9.11.85. Die Böhsen Onkelz sind wegen ihrer länger werdenden Haare und ihrem veränderten Aussehen bereits seit "Lübeck" im Sommer und seit der "Alabama Diskussion" im September in der Skinheadszene verpönt. Die erste Kritik innerhalb der Szene macht sich bemerkbar und zunächst ist die Band für den Gig im November in Berlin gar nicht eingeplant. Erst als eine andere Band absagt, kommt man auf die Frankfurter Onkelz zurück. In dem Bunker in Berlin Wedding finden sich gut 200 Glatzen zusammen, die von vorneherein klarstellen, auf welcher Seite sie politisch stehen. Schon vor dem Auftritt der Böhsen Onkelz, skandieren die anwesenden Skinheads einstimmig mit zum Hitlergruß erhobenen rechten Armen "Deutschland den Deutschen", "Ausländer raus", und "Sieg Heil". Man muß den Onkelz den Vorwurf machen, daß sie diesen Gig nicht sofort abgebrochen haben. Auch wenn die Band am Aufbau dieser Szene mit beteiligt war und sich anfangs noch nicht im Klaren darüber war, in welche Richtung ihre Szene marschiert, so muß sie es sich gefallen lassen, in dieser Phase als ausländerfeindliche rechte Band bezeichnet zu werden. Selbst wenn die politische Ausrichtung der Band nicht als rechtsradikal bezeichnet werden kann, und sie sich selbst auch zu dieser Phase nicht als rechtsradikal empfindet, spricht ihr Publikum doch eine deutliche Sprache. Das allerdings fällt nach dem Gig in Berlin auch den Böhsen Onkelz auf und wo Kevin sich noch heimisch in der Szene fühlt, wird es den anderen Musikern zu eng. Nach diesem Konzert ist man sich einig. Die Böhsen Onkelz wollen keine Kultband der Skinheads mehr sein und ihren Sänger Kevin werden sie schnell überzeugen können.

 

Covershooting zum Album "Mexico" 1985 v.l.n.r. Gonzo, Kevin, Pe, Stephan Foto: Muffel

 

1986

Kevin und die Tattoos

Kevin wird Tätowierer

1986 ist das Jahr, in dem Kevin seine Laufbahn als Tättowierer beginnt. Er hat schon seit geraumer Zeit am eigenen Körper experimentiert, hat hunderte von Zeichnungen entworfen und findet nach seiner Lehre als Matrose, die mit einem Rauswurf endet, nun einen Job im Studio des Frankfurter Tattoo-Künstlers Alf Diamond. Auf privater Ebene ist er mit Stephans jüngster Schwester Moni zusammen und treibt den Alkoholkonsum und die Gewalt auf die Spitze.

 

Indizierung "Der nette Mann"

Was hatte die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften am "Netten Mann" auszusetzen und warum wurde die Platte verboten?

Die Bundesprüfstelle indiziert im September '86 das Debüt Album "Der nette Mann" mit der Begründung der Titelsong würde zum Mord an kleinen Kindern aufrufen, der Song "Frankreich '84" beinhalte rassistische Tendenzen, der Song "Mädchen" sei pornographisch, der Song "Dr. Marten's Beat" sei gewaltverherrlichend und der Song "Böhse Onkelz" würde unreflektiert den Nationalsozialismus verherrlichen. Die Songs in ihrer Abschrift, weisen viele Fehler und Entstellungen auf - manche Passagen sind von der Bundesprüfstelle frei erfunden worden - und das Verbot des Albums sorgt dafür, daß es bundesweit "Kultstatus" erlangt. Die spätere Behauptung, die Böhsen Onkelz hätten diese Indizierung beabsichtigt, sie sei Teil einer gewaltig angelegten Marketingkampagne gewesen, ist unhaltbar und unzutreffend. Das Verbot der Platte kommt zwar überraschend, wird aber von der Band schulterzuckend hingenommen. Verdient haben sie an den ersten drei Alben sowieso nichts.

 

Der Ausstieg und die Presse

Die ersten dokumentierten öffentlichen Distanzierungen und Begründungen zum Ausstieg aus der Skinheadszene

1986 sind die Onkelz für eine kurze Zeit ohne Vertrag und ohne neue Songs. Ein Playback-Benefiz-Gig für das S.O.S.-Kinderdorf unter der Leitung von Manfred Sexauer verläuft mehr als chaotisch, als der betrunkene Kevin Russell in das Schlagzeug fällt und nicht mehr alleine hochkommt. Danach gibt es bis 1989 keine Konzerte mehr und die Presse hat von der Band, ihrer bisherigen Geschichte und ihrem Ausstieg aus der Skinheadszene keine Kenntnis und zeigt auch kein Interesse. Innerhalb der Szene jedoch gibt es die wildesten Auflösungsgerüchte und Erwähnung finden die Onkelz allerhöchstens in einschlägigen Skinheadfanzines. Hier zwei Zitate: Stephan: "Ein für allemal: Die Böhsen Onkelz haben sich nicht aufgelöst. Ich weiß nicht, welcher Verrückte auf die Idee gekommen ist, dieses Gerücht in die Welt zu setzen. Es stimmt jedenfalls nicht. Wir hatten keine Lust mehr, uns in eine Ecke drängen zu lassen, aus der wir nicht mehr herauskommen. Wir wollten unseren Spaß haben und das war zum Schluß nicht mehr möglich. Für die Zukunft der Skinbewegung sehe ich einigermaßen schwarz. Zu viele Leute, die früher die Bewegung geprägt haben sind verschwunden, zu viele Leute, die diesen Ruf nicht halten können, sind dazu gekommen. Wir brauchen uns von diesen Leuten nichts vorwerfen und schon gar nichts sagen zu lassen. Wir kennen die Sache. Die Skins, die von sich behaupten können, 4-6 Jahre dazu gehört zu haben, kann man an einer Hand abzählen." aus: "Singen und Tanzen", Skinheadfanzine Duisburg, Frühjahr 1986 Frage: "Ihr seid im letzten Jahr in der Alabamahalle aufgetreten, um in einer Diskussion mit dem Thema "Skinheads" Rede und Antwort zu stehen. Würdet ihr das heute noch mal machen?" Stephan: "Das mit der Alabamahalle würden wir mit Sicherheit nicht nochmal tun. Wir haben da mitgemacht, weil wir endlich mal Gelegenheit hatten, den Ruf der Skins ein wenig in ein anderes Licht zu rücken, weg von diesem Neo-Nazi-Klischee." aus: "oi - the bulldog", Skinheadfanzine Augsburg, Frühjahr 1986

 

Böhse Onkelz nach dem Ausstieg aus der Skinheadszene, Frankfurt 1986 v.l.n.r. Kevin, Pe, Stephan, Gonzo Foto: B.O. Archiv

 

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