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1987

Nach dem Ausstieg

Die Böhsen Onkelz gehen in den Untergrund und die Presse kriegt nichts davon mit

Das Jahr 1987 markiert das zweite Jahr nach dem Ausstieg der Böhsen Onkelz aus der Skinheadszene und ihr erstes Metal Album, das im Sommer des Jahres bei Metal Enterprises erscheint. "Onkelz wie wir" erspielt sich schnell den Ruf einer reinen Rockscheibe innerhalb der wachsenden Fangemeinde. Die Presse ist immer noch weitgehend uninteressiert. Nur einige Musikmagazine haben von dem Ausstieg der Onkelz aus der Glatzenbewegung etwas mit bekommen, wollen die Wandlung aber nicht anerkennen. Das einzige Dokument aus dieser Zeit, ist ein längeres Interview, daß der Soziologe Markus Eberwein mit den Böhsen Onkelz im Rahmen des Buchprojekts "Skinheads in Deutschland" durchführt. Hier einige Auszüge: Stephan: "Und wenn man dann hier so was liest: "Früher eine aufmüpfige Punkband, ist die Kapelle unter ihrem Lead-Sänger Ian Stuart inzwischen voll auf der Linie der faschistischen "National Front". "Skrewdriver" hat überall in Europa Nachahmer gefunden. Die Gruppen nennen sich "Blut und Ehre", so in der Schweiz, in Frankfurt "BÖHSE ONKELZ" oder in Westberlin "Kraft durch Froide". Pe: "Es gibt sicherlich Gruppen, die faschistisches im Sinn haben!" Gonzo: "Aber mit so was haben wir nie was am Hut gehabt!" Pe: "Dazu gehören wir aber wirklich nicht!" Gonzo: "Von wegen parteipolitisch: Ist nie was gelaufen bei uns!" Kevin: "Politik ist ja total uninteressant. Das ist überhaupt kein Thema, weil Politik ist in diesem Land undurchführbar. Deswegen interessiert mich Politik einen Scheißdreck, ja? Ich will nur leben, wie ich will, das ist alles. Politik und sich politisch überhaupt zu organisieren ist das Letzte! Das ist so eine Zeitverschwendung. Also in der Zeit kann ich etwas Besseres machen." (...) Stephan: "Man muß sich mal eins überlegen. Wir waren damals, wo es angefangen hat, dabei und haben die ganze Bewegung mit aufgebaut. Und dann siehst du, wie ein paar Idioten die ganze Sache kaputt machen." (...) Stephan: "Und bei uns hat es aufgehört, wo der Punk ins Linke reingezogen worden ist. Punk bedeutete am Anfang für uns nur, Außenseiter zu sein und Spaß zu haben." Kevin: "Und so ist es jetzt auch bei den Skins, das wird nur ins Rechte gerückt. Und da hört es für mich dann auch auf. Genauso war es damals als Punks." Gonzo: "Die Linken haben sich die Punks unter den Nagel gerissen und die Rechten versuchen sich die Skins unter den Nagel zu reißen." Kevin: "Also ein richtiger Skinhead ist politisch total negativ eingestellt, politlos." (...) Gonzo: "Wir waren als Punks politisch uninteressiert gewesen. Dann haben wir gesehen: jetzt kommt das Ganze in eine politische Sache rein, was machen wir jetzt? Das wollen wir nicht, wir wollen mit den Leuten nichts zu tun haben! Naja, ich weiß auch nicht, wie es kam: jedenfalls wurden die Haare kürzer, und dann sind wir Skinheads gewesen. Dann waren wir zwar noch dieselben wie vor einem halben Jahr, aber wir sind nicht Skinheads geworden aus dem Grund, weil: Sieg Heil! Und rechts!" Kevin: "Auf keinen Fall!" (...) Kevin: "Man wollte halt alles ein bisschen mehr auf Härte machen, anstatt so auf: viel trinken, und Koma, und: Eh, ihr Blöden! Und nichts mit Politik, von wegen: `Heil Hitler!` Das überhaupt nicht, was soll denn das? So'n Quatsch! Ich meine, wenn man damals leben würde. Ist doch Scheiße! Ich meine, in der Hitlerjugend hier, ich würde mir doch die Kugel geben! Was soll das denn?" Gonzo: "Stell dir mal vor, da wärst du ein größeres Arschloch als die Bullen!" Kevin: "Da hast du zehn Arschlöcher am Tag, die dir sagen, du sollst das und das machen. Das ist einfach logisches Denken, dass so eine Politik Scheiße ist!" (..) Kevin: "Ich lasse mir doch von keinem Arsch sagen: Weil ich Skinhead bin, muss ich jetzt singen: `Sieg Heil!` und `Gewalt!" aus: "Skinheads in Deutschland" von Markus Eberwein und Josef Drexler, Selbstverlag, Hannover/München 1987) So, wie der Song "Stolz" wohl für viele Jugendliche der Einstieg in die Sezene gewesen sein mag und so, wie, der Song "Deutschland" den nicht ganz ungefährlichen Patriotismus thematisierte, genauso gilt der Song "Erinnerungen" auf dem Album "Onkelz wie wir" als der klassische Ausstiegssong und wird von den Fans, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, begeistert aufgenommen. Für die Böhsen Onkelz war damit ihre Zugehörigkeit zur Skinheadszene abgeschlossen, der Ausstieg vollzogen und dokumentiert. Man muß jedoch davon ausgehen, daß die Medien von dieser Entwicklung nichts mitbekommen haben und daß die Bewußtwerdung der Böhsen Onkelz zu diesem Zeitpunkt kein Thema darstellte. Anders sind die späteren Recherchefehler und Behauptungen insbesondere der Tagespresse nicht zu erklären.

 

Covershooting zum Album "Kneipenterroristen" 1987 v.l.n.r. Kevin, Stephan, Gonzo, Pe Foto: Jörg Köpfer

 

1988

Onkelz? Nie gehört!

Außer den Metall-Magazinen schlafen alle - die Onkelz sind kein Thema

Im Jahr 1988 gibt es, wie auch schon im vorangegangenen Jahr keine Konzerte. Die Massenmedien interessieren sich noch immer nicht für die Geschichte der Böhsen Onkelz. Weder ihre Musik, noch ihr Ausstieg aus der Skinheadszene wird in der Tages- oder Stadtpresse erwähnt. Der Metal Hammer macht den ersten Schritt im Februar ?88. Nachdem er bereits im Vorjahr die "Onkelz wie wir" als "Nazi-Skin-Platte" verrissen hatte und nachdem sich Stephan und Gonzo daraufhin bei der Redaktion beschwert hatten, lädt der damalige Chefredakteur Edgar Klüsener die beiden Musiker zu einem Gespräch ein. Hier einige Auszüge: Stephan: "Vor allem in den letzten Jahren ist ein Teil der Skins klar nach rechts abgedriftet. Tatsache ist, daß auch politische Organisationen versuchen, direkten Einfluß auf Skins zu gewinnen. Das geht soweit, daß sie zu unseren Konzerten kommen und Stände aufbauen oder Flugblätter verteilen wollen. Das lassen wir jedoch unter keinen Umständen zu. Die fliegen ganz einfach raus!" (...) Stephan: "Einer von uns zum Beispiel hat den Wehrdienst verweigert und leistet zur Zeit seinen Zivildienst ab - aus welchen Gründen auch immer. Und da sagt man uns noch ernsthaft nach, wir würden Neo-Faschisten unterstützen oder seien gar selbst welche. Wir sind zwar Musiker, aber keine Idioten!" (...) Stephan: "Was heute noch als Skinhead auftritt, hat meistens nichts mehr mit dem zu tun, was ursprünglich mal das Skin-Movement war. Übriggeblieben sind oft nur noch die, die tatsächlich rechtsradikal eingestellt sind. Die anderen, die von Anfang an dabei waren und die Bewegung mit aufgebaut haben, die haben sich inzwischen weitgehend abgesetzt und distanziert." (...) Stephan: "Es war eine Bewegung der Kids von der Straße und eine Bewegung, die aus der Arbeiterklasse entstanden ist, aus der Klasse also, aus der auch wir stammen und in der wir verwurzelt sind. Eine andere Sache allerdings ist, daß für uns die Politik, so wie sie uns von den herrschenden gesellschaftlichen Gruppen und Parteien jeden Tag vorgespielt wird, absolut unglaubwürdig geworden ist. Politik ist ein pures Gerangel um Macht und Geld. Der Mensch und seine Bedürfnisse gelten nichts. Die einzige Partei, die zur Zeit noch einen Hauch von Glaubwürdigkeit besitzt, sind die Grünen. Sie könnten eine echte Alternative bieten, wenn sie zur Geschlossenheit zurückfinden würden." (...) Stephan: "Als wir erstmals mitbekamen, wohin der Zug plötzlich fuhr, auf dem wir als Kultband der Skins irgendwo mit draufsaßen, haben wir damit begonnen, gegen unsere eigenen Leute zu schreiben, um irgendwie zu bremsen." (...) Stephan: "Seitdem sind wir alle noch um einiges bewußter geworden. Wir glauben, daß unser einzige Chance sowohl musikalisch, wie auch menschlich-politisch im Crossover liegt. Es hat keinen Sinn, wenn Glatzen auf Punks, Metaller auf Hippies und jeder gegen jeden losgeht. Statt uns zu bekämpfen, sollten wir viel mehr zusammenhalten gegen die, die uns alle zusammen be- und unterdrücken, gegen korrupte Politiker, Umweltzerstörer, Kriegstreiber und gegen ein politisches System, für das der Einzelne Dreck ist." aus "Metal Hammer" Hard Rock Zeitschrift "Böse ja, rechtsradikal nein" von Edgar Klüsener, München Februar 1988 Kurz darauf druckt das semi-professionelle Heavy Metal Magazin "Mega Mosch" im Sommer 1988 ein weiteres Interview mit Stephan Weidner ab. Es folgen Auszüge. Stephan: "Es gab dann halt regelmäßig Ausschreitungen und uns wurde ein faschistisches Image angelastet, worauf die Veranstalter halt auch keinen Bock hatten, was ein Auftrittsverbot für uns in Frankfurt und Umgebung zur Folge hatte. So hat sich das dann halt entwickelt und immer mehr verschlimmert, durch Mund-zu-Mund-Propaganda." (...) Stephan: "Ja, das ist richtig. Zu dieser Zeit (84) waren wir halt auch Skins gewesen und haben voll hinter der Bewegung gestanden. Wir wollten deshalb auch eine Platte für diese Bewegung machen. Inzwischen haben wir mit dieser Szene eigentlich nichts mehr am Hut." (...) Stephan: "Rock-O-Rama haben uns finanziell ziemlich beschissen und nahmen außerdem immer mehr rechte Gruppen in ihr Repertoire auf, was uns auch nicht so gelegen hat." aus "Mega Mosch" Heavy Metal Zeitschrift, Sommer 1988

 

Die legendäre "28"

Was wirklich hinter der Zahl "28" steckt und wie die Drogen die Onkelz "zähmen" - ein neuer Plattenvertrag

Inzwischen hat auch Kevin der Skinheadszene abgeschworen. Er legt die Hosenträger und die Stiefel ab und läßt die Haare wachsen. Gleichzeitig steigt aber auch sein Drogenkonsum. Hat er früher noch gekifft, gesoffen und Leim geschnüffelt, wechselt er jetzt zu Kokain, LSD, Speed und Ecstasy. Seine Wohnung in der Weberstraße 28, kurz "die 28" genannt entwickelt sich immer mehr zur Drogenhöhle und am Anfang hängt auch der Rest der Band mit drin. Vor diesem Hintergrund bringt die Band bringt im Herbst '88 ihr fünftes Studioalbum "Kneipenterroristen" und damit ihr zweites Album bei Metal Enterprises heraus. Die Platte wird von der nun wachsenden Metal-Fan-Gemeinde begeistert gekauft. Es werden bis zum Oktober 15.000 Einheiten abgesetzt, was darauf schließen läßt, daß die Fangemeinde nicht mehr nur aus Glatzen besteht, denn deren Anzahl beläuft sich zu dieser Zeit laut Verfassungsschutzbericht auf rund 2500 Personen. Die Skinheadszene hat mit den Onkelz ihre professionellste Band verloren und das Vakuum ist nicht zu füllen. Weit und breit ist keine Band in Sicht, die auch nur annähernd an den Kultstatus der Onkelz heran kommt. Wütend macht sich die Szene in den Artikeln ihrer Fanzines Luft und beginnt massiv damit, die Onkelz als "langhaarige Hippies", "Motherfucker" und "linke Zecken" zu beschimpfen.

 

Böhse Onkelz 1988 v.l.n.r. Kevin, Stephan, Pe, Gonzo Foto: B.O. Archiv

 

1989

Immer noch im Untergrund

1989 - die Onkelz stehen wieder auf der Bühne und ein Interview, das nie gesendet wurde

Im Jahre 1989 finden die Böhsen Onkelz in den Medien noch immer nicht statt. Weder Tageszeitungen noch Musikmagazine interessieren sich für die Band. Die Kneipenterroristen LP vom Vorjahr wird kaum erwähnt und ebenso wenig ihr Ausstieg aus der Glatzenszene oder die wachsende Fangemeinde, die sich nun aus vereinzelten Alt-Skins, Punks und Rockern zusammen setzt. Wohl aber finden wieder erste Konzerte statt. 5 Shows spielen die Onkelz im Raum Wiesbaden und Frankfurt vor einer Crowd von 800 bis 1200 Leuten. In Offenbach tauchen ca. 30 Skinheads mit Deutschland Fahnen auf und pöbeln im Publikum. Stephan macht eine seiner ersten öffentlichen anti-rechts Ansagen von der Bühne herunter. Leider gibt es hiervon kein Video- oder Tonmaterial. Ein weiteres erwähnenswertes Interview findet im Herbst des Jahres statt, als der Redakteur eines bekannten Nachrichten Magazins die Böhsen Onkelz in ihrem Proberaum in Frankfurt besucht. Von diesem Interview liegt uns die ungeschnittene Rohfassung vor, die wir hier in Auszügen ablegen. Augrund bestehender Copyrights, können wir leider die Quelle nicht angeben, da man uns die Genehmigung zur Veröffentlichung des Materials verweigert hat. Wir tun es dennoch: Bemerkenswerterweise werden diese Aufnahmen der Öffentlichkeit vorenthalten, da sich die Redaktion dazu entschließt, den Beitrag nicht zu senden. Möglicherweise ist die unprofessionelle Vorgehensweise des Interviewers ein Grund dafür, möglicherweise entsprechen die Onkelz aber auch nicht dem gewünschten Bild einer "unglaubwürdigen Nazi-Skinband", die man hier zu portraitieren versucht. Ebenso, sollte an dieser Stelle ein Interview mit der Metal Zeitschrift "Reborn" erwähnt werden, daß im Herbst des Jahres geführt wird... Stephan: "Wir wollten eigentlich schon auf jeder LP die Texte abgedruckt haben, weil wir gemerkt haben, dass gerade bei den alten Platten die Texte zum Großteil nicht verstanden wurden. Durch den etwas undeutlichen Gesang und die schnell aufeinander folgenden Worte sind häufig Missverständnisse aufgetreten. Viele Leute haben den Text nicht richtig verstanden und somit wurde der wahre Sinn des jeweiligen Liedes verfälscht. Deswegen wurde uns bei manchen Texten auch unterstellt, sie seien rechtsradikal. Und das stimmt nicht!" aus: "Reborn" Nr.2, Heavy-Metal-Fanzine, Herbst 1989 ... und ein weiteres Interview, daß zwar 1988 für ein Skate-Fanzine geführt wird, aber merkwürdigerweise in einer rechten Publikation im Jahre 1989 ohne Quellenangabe wieder auftaucht: Frage: "Also, wir haben ja auch von Euch 1-2 Platten auf Kassette aufgenommen und haben auch versucht, da ein bisschen was rauszuhören, textmäßig, und da gibt es ein Lied, auf "Der nette Mann" ist es glaub' ich drauf, das geht über die EM in Frankreich '84. Da heißt es so was wie "Frankreichüberfall", da hab ich gleich an Hitler gedacht so ein bisschen. Wie ist das denn aufzufassen?" Stephan: "Da ging das Interesse am Fußball, vielleicht auch an Ausschreitungen unter Fans usw., das ging halt ein bisschen verloren, das wurde vielleicht ein bisschen zu politisch dargestellt. Vielleicht haben wir auch einen Fehler gemacht im Textschreiben und das nicht deutlich genug ausgedrückt, was wir damit meinen. Ich meine, wir haben einen ziemlichen Hals auf die Franzosen gehabt zu dieser Zeit, wir haben da so auf die Schnauze bekommen von den Bullen, und das war so ein bisschen Hasstirade auch auf die, das war schon dabei, aber es sollte eigentlich keine Volksverhetzung oder irgendso ein Quatsch sein, damit haben wir nichts am Hut." aus: Rock Nord, Winter 1989/90

 

Stephan und Kevin, die zwei treibenden Kräfte

Stephan Weidner orientiert sich neu und Kevin Russell versackt im Sumpf

Auf privater Ebene entschließt sich Stephan Weidner 1989 mit seinem Freund Edmund Hartsch zusammen den Skate- und Snowboardladen "Cadillac Ranch" in Frankfurt zu eröffnen. Seine privaten Interessen haben sich in viele neue Bereiche aufgefächert. Er reist viel, liest viele Bücher und stellt sein Leben um. Zwar ist er noch immer Stephan Weidner, der keiner Konfrontation aus dem Weg geht, jedoch löst er seine Konflikte nicht mehr mit Gewalt. Kevin dagegen ist zu dieser Zeit noch immer außer Rand und Band. Seine Beziehung zu Stephans Schwester Moni leidet erheblich unter seiner immer schlimmer werdenden Drogensucht und seinem explosiven Temperament. Die Schlägereien in seinem Leben hören nicht auf und bald zieht Moni aus der "28" aus und überläßt Kevin seinem selbstgewählten Schicksal. Pe und Gonzo halten sich weitestgehend aus den Exzessen raus und führen ein zurückgezogenes Privatleben mit ihren Freundinnen.

Autogrammstunde 1989 v.l.n.r. Gonzo, Pe, Stephan, Kevin Foto: B.O.Archiv

 

1990

1990 - ein dunkles Jahr

Das Jahr 1990 entwickelt sich im Sommer zu einem der dunkelsten Jahre für die Böhsen Onkelz. Kevins Drogeneskapaden in der "28" inspirieren Stephan zu den düstersten Texten, die er je geschrieben hat. Songs wie "Leiden", "Necrophil" und "Hast du Sehnsucht nach der Nadel" drücken diese Stimmung eindrucksvoll aus.

 

Der Wechsel zu Bellaphon und ein heimtückischer Mord

Trimmi wird ermordet und Kevin wird zur lebenden Leiche

Der Tiefpunkt des Jahres 1990 ist erreicht, als am 16. Juni der beste Freund der Band, der 23jährige Elektrikergeselle Andreas Trimborn im "Speak Easy", einer Kneipe in Alt-Sachsenhausen erstochen wird. Ein weiteres Schlüsselerlebnis, das die Band zwar unzertrennlich zusammenschweißt und viel Material für neue Lieder gibt, ("Nur die besten sterben jung", "Ganz egal" 1991, "Das Messer und die Wunde" 1993, "Der Platz neben mir" 1998) aber gleichzeitig auch dafür sorgt, daß Kevin ganz und gar im Drogensumpf versackt. Er nimmt nun täglich große Dosen an Kokain und Heroin zu sich und verwahrlost zusehends. Die 90er Veröffentlichung "Es ist soweit", das sechste Studioalbum der Onkelz, das sich hervorragend verkauft, ist auch das letzte Album, das die Band mit Ingo Nowotny aufnimmt. Ebenso wie Herbert Egoldt, beginnt sich Ingo Nowotny mit grottenschlechten Bands zu umgeben, von denen einige eine sehr zweifelhafte Gesinnung haben und auch er scheint von pünktlichen Lizenzzahlungen oder von Auszahlungen generell nicht viel zu halten. Die Böhsen Onkelz überwerfen sich mit Nowotny und finden gegen Ende des Jahres einen neuen Vertragspartner in der alteingesessenen Frankfurter Firma Bellaphon. Stephan erweitert seinen Horizont zunehmend, in dem er auf einem Walforschungsschiff vor der Küste Mexicos segelt, Vegetarier wird, nach Fidji und Australien reist und eine große Anzahl an Büchern verschlingt.

 

Die Presse erwacht...

Geringe Medienpräsenz in Tageszeitungen und Musikzeitschriften, machen bereits deutlich, daß die Böhsen Onkelz von der Musikindustrie nicht akzeptiert werden und ihr Ausstieg nicht anerkannt wird. Die wenigen Artikel, die sich mit dem Thema "Onkelz" auseinandersetzen, werfen der Band vor, sie sei immer noch in der "rechten Szene" aktiv, würde sich nur aus marketingtechnischen Aspekten nun anders und vorsichtiger ausdrücken, sei aber im Grunde nichts anderes, als eine "Nazi-Skin-Kombo", die keine Musik machen könne und die man am besten totschweigt. In der Zwischenzeit werden von der "Es ist soweit"- LP 30.000 Einheiten in kürzester Zeit abgesetzt.

 

Covershooting zum Album "Es ist soweit" Frankfurt-Bonames 1990 v.l.n.r. Gonzo, Stephan, Kevin, Pe Foto: Mike Schraft

 

1991

"Warum ändert Ihr nicht einfach Euren Namen?"

Schlecht recherchierte Artikel sind an der Tagesordnung und die Böhsen Onkelz stehen kurz vor dem Durchbruch

Die 91er Veröffentlichung, die erste LP bei Bellaphon, die den Titel "Wir ham' noch lange nicht genug" trägt, steht ganz unter dem Zeichen der Verarbeitung persönlicher Erlebnisse. Nicht nur wird dieses siebte Studioalbum dem ermordeten Freund "Trimmi" gewidmet, sondern man schreibt auch ein Lied für ihn "Nur die besten sterben jung", ein Lied für seinen Mörder "Ganz egal", ein Lied gegen die einflussnehmende und uninformierte Presse "Zeig mir den Weg" und ein Lied über die Sinnlosigkeit versoffener Tage "Wieder mal 'nen Tag verschenkt". Das Album verkauft über 100.000 Einheiten in wenigen Monaten. Während die Presse allmählich auf das Phänomen der "Onkelz" aufmerksam wird und ihre Popularität einzig und allein auf ihren "Kultstatus" in der Skinheadszene zurückzuführen versucht, werden gleichzeitig die Forderungen nach einer Namensänderung laut. Bisher hat die Band keinen Videoclip für einen Musiksender gedreht und findet im Radio nicht statt. Die Musikindustrie ruft öffentlich zum Boykott der Band auf und beginnt, massiv auf den Handel einzuwirken. Ziel ist es, die Band entweder mundtot zu machen oder aber unter einem anderen Namen mit möglicherweise englischen Texten neu zu erfinden. Angebote, die das bestätigen gibt es in größerer Anzahl. Die Band lehnt weiterhin jede Diskussion darüber ab und antwortet stattdessen mit ihren Songs. Es muß möglich sein, in Deutschland, so die Band, seine Meinung zu ändern, Fehler einzugestehen und geistig zu reifen. Bewußtwerdung soll zugestanden werden. Stephan und die Band sind fest dazu entschlossen, den Namen "Böhse Onkelz" zu einem Symbol des Umdenkens zu machen und sich dem Druck nicht zu beugen.

 

Zunehmende rechte Gewalt in Deutschland

Die Onkelz äussern sich...

Gegen Ende des Jahres '91 beginnt auch die Tagespresse verschärft damit, die Böhsen Onkelz in ihren Artikeln über rechte Gewalt zu erwähnen. Die Berichterstattung über die Band ist defizitär, lückenhaft und ungenügend. Daten, Fakten, Namen, Zahlen, alles wird bunt durcheinander geworfen und schlecht bis gar nicht recherchiert an die Leser verfüttert. In Radio, Fernsehen und Tagespresse wird die Band als schlimme "Nazi-Skin-Kombo" dargestellt und es wird in den Medien zu öffentlichen Boykotten aufgerufen. Kein Radioairplay, keine Videoclips, keine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Thema "Böhse Onkelz". Eine objektive Berichterstattung findet nur vereinzelt in wenigen Rock Zeitschriften statt. Hier einig Zitate aus dieser Zeit: Stephan: "Wir haben uns letztendlich nie als rechte Band gesehen, oder uns als Angehörige der rechten Szene gefühlt." aus "Animalize" Nr.10, Oktober 1991) Frage: "Warum, glaubst du, fühlen sich so viele Rechtsradikale von euren Texten angesprochen?" Stephan: "Es wird immer Leute geben, die zu primitiv sind, um das Ätzende, die Ironie in unseren Texten richtig zu verstehen." aus "Wild Axes" Nr.4, Heavy-Metal-Magazin, Österreich, Oktober/November 1991) Frage: "Kommt bei euch jetzt das schlechte Gewissen raus?" Stephan: "Als es hier in Deutschland mit den Skinheads anfing, gab's keine rechte Szene in der Bewegung; es war eine Skinbewegung, die sich mehr zur Arbeiterklasse hingezogen fühlte, also mehr zur Mittelschicht, "working-class-kids" sozusagen. Wir haben größtenteils auch schwarze Musik gehört, Soul und Ska. Die Politik kam eigentlich viel später in die Bewegung, und zwar zu einem Zeitpunkt, wo wir schon dabei waren - auch aus diesen Gründen - uns von dieser Bewegung zu distanzieren." aus "RockHard" Nr.55, November 1991)

 

Fotosession zum Album "Wir ham´noch lange nicht genug", Düsseldorf 1991 v.l.n.r. Kevin, Stephan, Gonzo, Pe Foto: Mike Schraft

 

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